Ronja von Rönne: Alles Liebe
Jede*r kennt das: Eine spannende Geschichte macht im Bekanntenkreis die Runde und wird von Mal zu Mal wilder und um Effekte und Details angereichert, die zwar vielleicht zur Geschichte passen, aber sich so gar nicht zugetragen haben. Solange es nur um ein bisschen Aufmerksamkeit geht und niemand zu Schaden kommt, sind solche kleinen Ausschmückungen vielleicht noch zu entschuldigen. Was aber, wenn jemand das Lügen als Grundlage seiner Kommunikation benutzt, weil er/sie dadurch Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt? In der ersten von vier Geschichten über Menschen, die in ungesunden Beziehungen feststecken, lernen wir eine solche Lügnerin kennen: Ein junges Mädchen, Laura, benutzt die Krebs-Erkrankung ihrer Freundin Miriam dafür, sich wichtig zu machen. Über Wochen schmückt sie vor ihren Mitschüler*innen die Krankheit derart aus, dass diese glauben, Miriam stehe kurz vorm Tode. Laura fühlt sich wichtig. Sie kümmert sich aber auch wirklich aufopferungsvoll um die kranke Freundin! Doch die erholt sich mit der Zeit und wird (zum Glück) gesund. Bald soll sie zurück in die Klasse kommen. Was nun?
Miriams Mutter Astrid wiederum besucht eine Selbsthilfe-Gruppe, in der sie die Bekanntschaft von Barbara macht, die auch eine kranke Tochter hat. Die beiden freunden sich an. Die Treffen mit Astrid sind für Barbara eine wohltuende Abwechslung. Als alleinerziehende Mutter ist sie oft fix und fertig und vor allem einsam in ihrem Zuhause, in dem es immer so ruhig ist und in dem die Angst ums kranke Kind über allem schwebt. Abwechslung bringen ihr Bestellungen bei Versandhauskatalogen, jeder Klick macht sie vermeintlich ein bisschen weniger einsam. Mit der Zeit werden ihre Gedanken immer mehr von einem männlichen Model dieser Kataloge beherrscht. Er sieht so schneidig und verlässlich aus. Er könnte Rolf heißen, dieser Name passt zu ihm, denkt Barbara. Sie fängt an, Seiten mit Rolf auszuschneiden, ihre Wände damit zu bekleben und ihrer Freundin vom neuen Mann in ihrem Leben zu erzählen. Als diese ihn kennenlernen will, wird es immer schwieriger für Barbara, die Lüge aufrecht zu erhalten.
In den beiden weiteren Geschichten geht es um Liebesbeziehungen, die nicht so glücklich sind oder ausgehen, wie sich das zumindest jeweils eine*r der Partner wünscht ...
Mein erster Roman von Ronja von Rönne ist direkt ein Volltreffer! Ihre Geschichten (die am Ende genial zusammenlaufen) sind spannend und beklemmend und lassen einen beim Lesen nicht los. Die Autorin schreibt als vermeintlich unbeteiligte Beobachterin dieser vielfach tragischen Schicksale, ihr Ton ist oft kühl, abgeklärt, teilweise makaber und auch komisch. Ihren Figuren kommt man dennoch richtig nah, staunt abwechselnd über deren Abgebrühtheit, Einsamkeit und Sehnsucht nach Glück und Geborgenheit. Und beim Lesen stellt man sich die beunruhigende Frage, ob man diejenigen, die man liebt, wirklich kennt. Richtig gut!
Julia Kortenjann