Alexandra-Maria Pipos: Gib mir alles
Johanna lebt und arbeitet in Deutschland. Sie hat es in jungen Jahren schon weit gebracht und steht gerade vor einem großen Karriereschritt in ihrem Job als Unternehmensberaterin. Zwei Jahre hat sie darauf hingearbeitet. Sie schläft wenig, macht morgens schon Sport mit einem digitalen Trainer, der sie zu Höchstleistungen motivieren will, hat es aber immer noch nicht geschafft, ihre Wohnung schön einzurichten. Dafür wird sie in Zukunft schon Zeit haben, glaubt Johanna. Und für ihre Eltern, die vor vielen Jahren aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert sind, im Glauben an eine bessere Zukunft. Aus dem Traum der Eltern ist nichts geworden. Ioana (so heißt sie nämlich eigentlich) steht unter dem Druck, es schaffen zu müssen, für sich und die ganze Familie.
Dann hört sie vom Tod ihres Großvaters und macht sich zu seiner Beerdigung auf den Weg in die alte Heimat. Hier hat sich kaum etwas verändert. Ihr Zuhause von früher kommt ihr schäbig vor, alles wirkt noch genauso wie früher, nichts hat sich verändert. Aber das, was Ioana vermeintlich in Deutschland erreicht hat, erscheint ihr mit einem Mal auch immer brüchiger, fast so, als ob das Versprechen nicht eingehalten würde, dass sie es einmal zu etwas bringt. Zu was denn überhaupt? In Gesprächen mit ihrer Verwandtschaft muss Ioana sich neu verorten und wird sich der Fragilität ihrer eigenen Existenz schmerzhaft bewusst.
Alexandra-Maria Pipos hat mich ab der ersten Seite gepackt. Zunächst noch fasziniert von dem grauenvoll getakteten Alltag ihrer Protagonistin, bin ich mehr und mehr eingetaucht in das so andere Leben in Rumänien und konnte den kaum realisierbaren Spagat zwischen beiden Welten gut nachvollziehen.
Was für ein Buch, in dem sogar Ikonen zu ihren Besitzern und uns als Leser*innen sprechen!
Julia Kortenjann