Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe

Dies ist eine Liebesgeschichte. Es geht um zwei Menschen Anfang 30, die aus vollkommen unterschiedlichen Welten stammen: Michelle ist gerade neu angekommen in der großen Stadt im Norden von Deutschland. Sie kommt aus dem Osten, hatte einen Schmuckladen mit Stammkunden, verkaufte aufwendige Eigenkreationen. Sie hat es geliebt, besondere Schmuckstücke herzustellen, auf Flohmärkten alten Schmuck zu kaufen und zu etwas Neuem, Schönen zu machen. Michelle hatte es geschafft. Dann kam die Pandemie und mit ihr das Aus für ihren Laden. Michelle musste ihre Siebensachen zusammenpacken und irgendwo neu anfangen. Zuhause konnte sie nicht bleiben, wo jeder sie kannte, das hätte viel zu weh getan. Jetzt arbeitet sie in einem schicken Hotel. Alles neu, alles gar nicht so leicht. Die Zähne zusammenbeißen kann Michelle aber. Und sparen. Weil sie muss, wie es vor ihr schon ihre Mutter musste. 

Dann lernt sie Henry kennen und verliebt sich. Er kommt aus einer ganz anderen Welt, die er lange vor ihr geheim hält. Doch als Michelle zum ersten Mal in seine Wohnung kommt, weiß sie sofort Bescheid: Henry ist reich. Für ihn hat Geld eine ganz andere Bedeutung als für sie. Das merkt sie schon daran, dass er beim gemeinsamen Kochen den Strunk vom Brokkoli wegschmeißt - und sie ihn mit in die Suppe tut. So wie sie aus Kartoffelschalen Chips im Ofen macht. Henry nimmt sie mit in sein Leben, in schöne Restaurants, auf Reisen, in Feinkostläden. Schon bald zieht sie bei ihm ein. Beide wünschen sich nichts mehr, als zusammenzubleiben und beide Welten zu vereinen. Aber ob das geht? Und wenn ja, wie?

Michelle und Henry dabei zu begleiten, wie sie durch die Konfrontation mit der jeweils komplett anderen Lebenswirklichkeit verunsichert werden und versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden, berührt, rüttelt wach, hallt nach. Ruth-Maria Thomas Gabe, in kleinen Situationen und Details ganze Lebensgeschichten zu erzählen, hat mich beeindruckt. Eine Buchpreis-Kandidatin, finde ich! Schade, dass sie nicht auf der Longlist steht.

Julia Kortenjann