Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Helene Bukowski schreibt in ihrem Roman über das kurze Leben einer ostdeutschen Pianistin, die sich im Jahr 1985 in den Freitod gestürzt hat. Durch Zufall ist die Autorin auf die Geschichte von Christina gestoßen und hat sich so intensiv mit deren Leben beschäftigt, dass man beim Lesen meinen könnte, die beiden seien einander begegnet. Bukowski schreibt über Christinas Kindheit in Neubrandenburg, ihr Dasein als einziges Kind eines Vaters, der durch die musikalische Begabung seiner Tochter erleben wollte, was ihm selbst beruflich nicht gelungen ist. Sie schreibt über Christinas Jugendjahre an einer Spezialschule für Musiker*innen in Berlin, später über das Studium in Moskau. Der sozialistische Drill scheint immer durch die Seiten, Christinas Weg vorgezeichnet, sodass nur wenig eigene Entwicklung möglich ist. Behutsam, zart und doch entschlossen nähert die Autorin sich dieser Frau an, die ihren Platz in der Welt sucht und doch nicht findet, wie man bei der Lektüre schmerzlich spürt.
Ich ziehe den Hut vor Helene Bukowski! Was für eine fein erzählte Geschichte, in welcher die Autorin die richtige Distanz wahrt und ihrer Protagonistin doch so nahe kommt, dass man sich sehr gut vorstellen kann, mit welcher Einsamkeit Christina gerungen haben muss, mit welchen Sehnsüchten sie sich allein gefühlt haben muss, gegen welche Ohnmacht sie kämpfen musste. Mir hat die Erzählhaltung ungemein gefallen (die Autorin spricht ihre Protagonistin direkt an), ich war ganz schnell im "Du" und konnte mich gut auf diesen ungewöhnlichen Stil und die einzigartige Sprache einlassen. Wirklich große Literatur!
Julia Kortenjann