Gabriella Zalapì: Ilaria
Die Schweizer Autorin Gabriella Zalapì hat mit ihrem Roman einen Nerv getroffen, ihr autobiografisch gefärbtes Buch wurde in der Schweiz von den Buchhändler*innen geliebt. Zu Recht, wie ich finde.
Zalapì beschreibt darin zwei Jahre im Leben der achtjährigen Ilaria, die mit ihrer Mutter und Schwester in Genf wohnt. Die Eltern haben sich getrennt, der Vater lebt in Turin, ihn sieht sie nur einmal pro Monat. Umso überraschter ist sie, als ihr Vater sie eines Tages ungeplant von der Schule abholt. Mit dieser Szene beginnt ein zweijähriger Roadtrip durch Italien, von Nord nach Süd, am Ende sogar nach Sizilien. Ihr Vater hat Ilaria entführt, er kann die Trennung seiner Frau nicht akzeptieren. Er ist ein wankelmütiger, instabiler Charakter, der seine Probleme den anderen zuschiebt, cholerisch ist und zu viel trinkt. Gleichzeitig ist er ein Vater, der seiner Tochter Spielzeug und Kuscheltiere kauft. Ilaria selbst steht hilflos vor dem Geschehen und versucht, für sich selbst Ordnung in das Chaos zu bringen.
Trotz der schweren Thematik hat die Autorin ein leicht lesbares Buch geschrieben, das man atemlos von Seite eins bis zum Ende durchlesen muss. Vor dem Hintergrund der bleiernen Jahre des Terrors (das Buch spielt in den Jahren 1980 bis 1982) werden wir mitgenommen in nächtliche Bars, an Autobahnraststätten, in schäbige Hotels, auf ein von Schwestern geführtes Internat in Rom. Wir erleben alles aus Sicht des Kindes, leiden mit ihm, das seinen Vater liebt, sich aber auf sein Verhalten keinen Reim machen kann, staunen aber auch über seine Kraft. Ein kurzes Buch mit Nachhall, sehr italienisch, aber ganz fern von dolce vita und amore. Etwas Besonderes!
Julia Kortenjann