Joel Dicker: Ein ungezähmtes Tier

Ich bin begeistert! Dieser Roman kann einfach alles: Er erzählt einen Krimi mit immer wieder neuen Wendungen. Er wirft einen tiefen Blick in menschliche Abgründe, in geheime Sehnsüchte, gesellschaftliche Konventionen und Zwänge, in Lügengebilde, falsche Wahrheiten und Obsessionen. Und er lotet die Gefahren langer Ehen aus, in denen jede*r sein Leben lebt und sich Ehepaare durch den immer gleichen Alltag einander entfremden.

Das titelgebende ungezähmte Tier ist ein Panther, den Sophie, eine der Protagonistinnen, auf ihren Schenkel tätowiert hat. In einer (vielleicht real existierenden) Geschichte eines gewissen Lucchino Visconti aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts taucht das Tier ebenfalls in dem Roman auf. Und das Maul eines Panthers ziert den wertvollen Ring, den Arpad, Sophies Mann, ihr in der Genfer Cartier–Filiale aussucht, um sie zu überraschen. Dreh– und Angelpunkt ist ein Raubüberfall auf eben diese Filiale, der das Herz des Buchs bildet, den Höhepunkt, auf den alles zuläuft. In Vor– und Rückblenden erschließt sich dem Leser, der Leserin immer mehr, bis es zum großen Finale kommt. Vorher gibt es ständig falsche Fährten, wunderbar, immer wieder muss man sich neu orientieren und das Bild gerade rücken, das man sich bislang gemacht hat.

Sophie und Arpad, Fondmanager bei einer Privatbank, sind ein schillerndes Paar, das mit seinen beiden Kindern in einem schicken Haus aus Glas in einer angesehenen Gegend von Genf wohnt. In ihrer Nähe leben Karine, Verkäuferin in einer Boutique, und Greg, Kriminalbeamter. Ihr Haus ist nicht ganz so schick, sie sehen nicht ganz so gut aus, und ein Kindermädchen haben sie auch nicht. Greg zieht es auf seinen morgendlichen Laufrunden in den kleinen Wald, wo er ungestört ins Glashaus blicken kann, wenn Sophie morgens erwacht … Immer drängender wird sein Wunsch, ihr nahe zu sein. Durch seinen Job kennt er Mittel und Wege, sie zu beobachten. Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.  Und dann taucht irgendwann der geheimnisvolle Fauve auf, der mit Sophie und Arpad auf ganz unterschiedliche Weise verbandelt ist.

Hier ist nichts, wie es zunächst scheint – und das macht den Reiz dieses Romans aus. Lasst euch in die Irre führen, verfolgt beklommen, wie sich die Stricke immer enger um die Personen ziehen – oder doch nicht? Was für ein spannungsgeladener, toll komponierter und strukturierter Roman! Wirklich allerbeste Unterhaltung!

Julia Kortenjann