B. Traven: Das Totenschiff

B. Travens Debütroman „Das Totenschiff“ erschien erstmals 1926 – und liest sich heute vielleicht aktueller denn je. Selten kam mir ein (moderner) Klassiker so taufrisch, so aktuell vor, wie dieser Roman.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der amerikanische Seemann Gales, der blöderweise in Antwerpen sein Schiff verpasst. Besonders problematisch daran: Auf dem Schiff liegt seine Seemannskarte, das einzige Identitätsdokument, das er besitzt. Mittel-, dokumenten- und staatenlos irrt er nun durch halb Europa.

Seine letzte Rettung ist die „Yorikke“ in Barcelona, auf der er anheuert. Aber hier stellt sich schnell heraus, dass das vielleicht keine gute Idee war, denn das Schiff fährt mit illegaler Ladung und Besatzung – und Games verdingt sich unter höllischen Arbeitsbedingungen als Heizer. Doch es kommt noch schlimmer: Er wird schließlich von einem Kameraden geshanghait und gelangt auf die „Express of Madagascar“, die im wahrsten Sinne dem Untergang geweiht ist…

Was mich einerseits an diesem Roman so überrascht hat, ist seine Aktualität. Traven beschreibt das Treiben des dokumenten- und staatenlosen Gales durch Europa wie es aktueller kaum sein könnte: von einer Behörde zur nächsten, niemand kann (oder will) ihm helfen. Das Monster der Bürokratie wird hier am Beispiel des Helden erkennbar – und zeigt seine dreiste Fratze.

Andererseits ist dieser Roman absolut hinreißend, weil der Erzähler Gales eine herrlich schnodderig Erzählweise hat. Wie er über die Polizisten, Konsuln und anderen Beamte herzieht ist schlicht grandios und macht riesige Freude. Mit beißender Ironie und herrlichem Sarkasmus reißt er einen mit. Und ganz nebenbei lernt man noch einige Wendungen der Seemanssprache kennen („shanghaien“ bezeichnet das gewaltsame Rekrutieren von Seeleuten).

Eine echte Entdeckung, die ebenso lehrreich wie unterhaltsam ist. Wunderbar, dass der Diogenes Verlag den Werken Travens eine Neuedition gönnt!

Philipp Schneider 


Bibliographie