Elif Shafak: Am Himmel die Flüsse

Elif Shafak kann wunderbar Geschichte und Geschichten erzählen, wie sie in ihrem neuen Roman wieder unter Beweis stellt: Los geht alles mit einem Regentropfen, der im alten Mesopotamien im Haar eines herrischen Königs landet, später einen Sturm auslösen und damit ganz Ninive unter sich begraben wird. Hier, im heutigen Mossul, möchten die neunjährige Narin und ihre Großmutter ein jesidisches Taufritual begehen - und müssen sich plötzlich vor den Schergen des IS in Sicherheit bringen. Gleichzeitig lesen wir von Zaleekha, einer Iranerin, die durch ein Unglück ihre Eltern verloren hat und in London auf einem Hausboot Unterschlupf sucht, von dem aus sie ihr Leben neu sortieren will. Als Hydrologin verfolgt sie die These, Wasser habe ein Gedächtnis. Eine These, welcher auch die Autorin ihre Geschichte unterstellt, u.a. indem sie ihrem dritten Protagonisten, Arthur Smith, der unter ärmlichsten Bedingungen im viktorianischen London geboren wird, bei seiner Geburt einen Schneetropfen auf die Haut fallen lässt, der vor Hunderten von Jahren im alten Ninive schon als Regentropfen auf die Erde fiel. Arthur macht eine Lehre in einer Verlagsdruckerei und interessiert sich hier ganz besonders für antike Keilschriften und später das Gilgamesch-Epos - womit wir uns, ehe wir uns versehen, wieder am Anfang der Geschichte befinden ...

Diese drei bildgewaltigen, teilweise märchenhaft anmutenden Geschichten werden mit einer solchen Fabulierlust erzählt, dass man völlig eintaucht und beim Zuschlagen des Buches zum einen drei vollkommen unterschiedliche Lebensläufe gelesen und zum anderen ein Stück mehr über unsere Welt und ihre Zusammenhänge erfahren hat. Ein ganz besonderes, traurigschönes und gleichzeitig tröstendes Buch!

Julia Kortenjann


Bibliographie