Isabelle Autissier: Klara vergessen

Juri kehrt nach 25 Jahren zum ersten Mal in seine Heimat Russland zurück. Schon lange lebt er als Ornithologe in Amerika und möchte mit seinem früheren Leben nichts mehr zu tun haben. Bis ihn die Nachricht ereilt, dass sein Vater Rubin, ein ehemaliger Kapitän der Fischerei, im Sterben liegt und ihm noch etwas mitteilen möchte. Also macht sich Juri auf den Weg in seine Heimatstadt Murmansk.

Es ist eine Rückkehr mit mulmigem Gefühl und schlechten Erinnerungen an seine Kindheit. Die Mutter hatte keine Herzenswärme, der Vater war grob und gewalttätig, hatte keinen Sinn für die Feinsinnigkeit seines Kindes, das schon immer von Vögeln fasziniert war und jeden freien Moment nutzte, um in der Natur nach ihnen Ausschau zu halten, sie zu zeichnen und alles über ihr Leben aufzuschreiben. Diese Passagen sind mit die schönsten im Buch, die Naturbeschreibungen und die kindliche Sicht darauf beeindruckend. Ebenso intensiv, allerdings in die andere Richtung, sind die Beschreibungen der Naturgewalt auf See, als Juri mit seinem Vater und dessen Besatzung zwei Monate auf dem Meer verbringt, um alles über das Fischen zu lernen. Unerbittliche Härte seitens des Windes, der Wellen und der Eiseskälte begleiten ihn in dieser Zeit ebenso wie die Schikane der älteren Seeleute, die die jüngeren unter ihre Fittiche nehmen. Und auch sein Vater behandelt ihn mit heftiger Strenge. Für Juri sind diese Wochen auf See die schlimmsten seines Lebens.

Als er nun seinen Vater im Krankenhaus besucht, bittet dieser ihn, etwas über das Verschwinden seiner Mutter Klara, Juris Großmutter, herauszufinden. Sie war eine aufstrebende Geologin, bis sie in den 50er Jahren vom Militär als Volksverräterin aus der Wohnung geholt wurde - und seitdem verschollen blieb. Vermeintlich wusste niemand aus der Familie etwas über die Zusammenhänge und den Grund ihres Verschwindens. Juri macht sich auf die Suche und wird am Ende die fehlenden Puzzleteile seiner Familiengeschichte zusammensetzen können.

Isabelle Autissier hat eine spannende und eindrückliche Geschichte darüber geschrieben, wie fatal es sein kann, Familiengeheimnisse aufzubauen und Jahre darüber zu schweigen und wie wichtig die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist. Nach „Herz auf Eis“ ein weiterer Roman, der viele Fragen stellt, zum Nachdenken anregt - und einen Einblick in das Leben unter Stalin vermittelt.

Julia Kortenjann


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