Lize Spit: Der ehrliche Finder
Welche Kraft in kurzen Erzähltexten stecken kann! In „Der ehrliche Finder“ von Lize Spit bekommen wir auf wenigen Seiten eine ganze Welt erzählt: Wir begegnen in den '90er Jahren zwei Jungen im Grundschulalter, Tristan und Jimmy. Tristan ist vor dem Krieg im Kosovo geflohen, hat eine Flucht mit seiner Familie durch ganz Europa hinter sich. Vor einem Jahr ist er in Bovenmeer angekommen, wo auch Jimmy lebt. Jimmy, dessen krimineller Vater abgehauen ist, und der alleine mit seiner einsamen Mutter und zwei Hunden als Vaterersatz in einem großen Haus lebt. Materiell hat er alles, emotional sucht er nach Wärme und Halt, nach einem echten Freund. Als Tristan in der Schule neben ihn gesetzt wird, werden die beiden schnell Freunde. Mit Tristan will Jimmy sogar seine größten Schätze teilen, die Plastikscheiben namens Flippo aus den Chipstüten, vergleichbar mit unseren Fußballbildern oder Pokémon-Karten, die er in seinem Zimmer wie in einem Büro verwaltet und nach Wichtigkeit sortiert. Als Tristans Familie Jimmy zum Übernachten einlädt, scheint ein Traum wahr zu werden. An diesem Abend will er Tristan seine Sammlung zeigen! Doch hinter der Einladung steckt für Tristan etwas viel Wichtigeres: Seine Familie hat den Bescheid zur Abschiebung erhalten und Jimmy soll ihnen aus dem Schlamassel heraushelfen. Tristan hat auch schon einen Plan, denn er hat von einem Flüchtling gelesen, der in einer beherzten Handlung ein Kind aus einem brennenden Gebäude gerettet hat und dessen Familie danach die Staatsbürgerschaft verliehen wurde. So etwas müssen sie mit Jimmy an ihrer Seite doch auch schaffen, denken er und seine Schwester Jetmira …
Die belgische Autorin Lize Spit, die mit „Und es schmilzt“ international bekannt wurde, legt mit ihrem dritten Roman eine Geschichte vor, die unter die Haut geht, ganz besonders deshalb, weil sie es meisterhaft schafft, in die Gefühlswelt der beiden Kinder einzutauchen. Ihre Sprache ist ohne jeglichen Kitsch und trifft mitten ins Herz.
Julia Kortenjann