Paula Fürstenberg: Weltalltage

Sie kennen sich seit der siebten Klasse: Die Ich-Erzählerin und Max, ihr bester Freund. Beide sind 1987 in der DDR geboren und als Einzelkinder der Nachwendezeit bei ihren Müttern aufgewachsen. Jetzt sind sie erwachsen, haben studiert und wohnen zusammen in einer WG in Berlin. Max ist Architekt, sie ist Redaktionsassistentin. Ihre Rollen sind klar verteilt: Max ist der Kümmerer und an ihrer Seite, wenn sie ihre „Weltalltage“ hat, Tage, an denen ein bisher nicht diagnostizierter Schwindel ihr den Wind aus den Segeln nimmt. Für sie hat Max den Rettungsschwimmer-Schein gemacht, damit sie zusammen baden gehen konnten (ein festes Ritual ihrer Freundschaft). Und da sie nicht Rad fahren darf, transportiert er sie im Anhänger. Doch jetzt ist alles anders: Seit einem Unglücksfall in seiner Familie vor einigen Jahren zieht Max sich immer mehr zurück. Bis irgendwann die Diagnose Depression im Raum steht. Um mit der Situation klar zu kommen, fängt sie an zu schreiben. Es wird ihre gemeinsame Geschichte und ist die, die wir als Leser*innen in Händen halten.

Es ist die Geschichte einer tiefen Freundschaft, wie man sie selten liest und selbst gern hätte, einer Freundschaft zweier Nachwendekinder, die auf gleiche Weise sozialisiert wurden, zwar im vereinigten Deutschland aufwachsen, aber die DNA der DDR noch in sich tragen. Gleichzeitig ist es eine Auseinandersetzung mit dem Umgang unserer Gesellschaft mit Krankheit und Schmerz.

"Weltalltage" hat mich sehr überrascht: Wegen seiner besonderen Struktur (Fürstenberg arrangiert ihren Roman in Listen, alphabetisch, numerisch oder thematisch), wegen seiner wahren (und beim Lesen plötzlich tröstenden) Thematik und dem übergeordneten Plädoyer, eine andere Haltung zum Thema Krankheit/Schmerz zu entwickeln. „Weltalltage“ ist ein kluges Buch, das viele Fragen stellt, es steckt voller Wärme und auch Witz, ist ernst und leichtfüßig zugleich – und ganz anders als alles, was ich bislang in diesem Frühjahr gelesen habe!

Julia Kortenjann


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